 |  | Marco Lutz holte beim Schweizer Filmpreis in Solothurn mit einem Trash-Video den Jury- und Publikumspreis.
Das Publikum und die Jury zeigten sich einhellig wie selten an einem Festival. Für sein «super lowbudget» Trash-Video «Ah Ah Ah Ah» mit der Ein-Mann-Band «Urban Junior» hat der Winterthurer Marco Lutz gleich beide ersten Preise in der Kategorie «Sound & Stories» gewonnen. Eine öffentliche Anerkennung, die spät kommt für einen 36-Jährigen, der mit 17 schon seinen ersten Schritt Richtung Weltklasse machte. Damals allerdings noch im Sport. Doch blenden wir zurück in dieser unschweizerischen Erfolgsgeschichte eines Trendsetters, Unternehmers und Filmregisseurs.
«Ich bin in allem, was ich mache, ein Spätzünder», stellt Marco Lutz fest. Der Snowboard-Profi und ehemals achte der Weltrangliste fing erst mit 17 an, Snowboard zu fahren. Während der KV-Lehre brauchte er «ein Ventil» für seine Sehnsüchte. Danach stand er «jede freie Minute» auf dem Brett und hat nur noch für das Snowboarden gelebt. Bald konnte er auch vom Snowboarden leben. «Das war 1988. Ich hatte das Glück, mit dem ersten Schub dieser neuen Sportart zu wachsen.» So ist das Talent «ziemlich schnell zu Verträgen gekommen» und hat neun Jahre lang rund um die Welt viele Profiwettkämpfe im Freestyle gewonnen.
Gleichzeitig gründete Lutz 1995 mit drei Kollegen zusammen in Winterthur den Snowboard- und Skateshop SigSagSug. «Es hat noch nichts in diesem Bereich gegeben, und die Nachfrage war gewaltig.» Die Jungunternehmer entwickelten sich schnell zu einem der bekanntesten Händler der Szene. Eingebettet ist das Unternehmen in die Dachfirma John Doe Ltd. «Das ist ein Begriff aus der amerikanischen Kriminalwissenschaft», erklärt Lutz. John oder bei einer Frau Jane Doe nennt die Polizei Leute, die man nicht identifizieren kann. «Der Name hat uns gefallen, weil wir mit einem kleinen Laden angefangen hatten und noch nicht wussten, wo es einmal hingehen soll.»
Heute sind bei John Doe 18 Leute angestellt. Das Unternehmen ist aufgeteilt in drei Zweige. Neben dem Laden SigSagSug gibt es den Grosshandel JD Distribution. Als drittes Standbein hat Marco Lutz 1998 noch JD Pictures dazu gefügt. Über diese Filmproduktion, die keine eigene technische Infrastruktur besitzt, vermarktet sich Lutz heute vor allem als Freelance-Regisseur für Werbespots. JD Pictures ist nach wie vor im grossen Laden inmitten der Lagergestelle mit all diesen Requisiten der Skater- und Snowboard-Szene untergebracht. Marco Lutz fühlt sich wohl unternehmerisch als «Eigenbrötler», ist aber trotzdem gerne mit seinen Leuten zusammen. Eingemietet ist das gesamte Unternehmen John Doe in einer ehemaligen Umladehalle der Post beim Bahnhof Winterthur.
Angefangen hat es mit der Filmerei, als Marco noch mit dem Snowboard-Zirkus unterwegs war: «Ich hatte damals ein wahnsinnig verrücktes Leben.» Snowboarden im Juli auf den Gletschern von Neuseeland. Oder nachts um zwei Uhr im mystischen Schein der Mitternachtssonne von Schweden. Zwischendurch wieder mal zu Hause in Winterthur, hat er seinen Freunden von solchen Abenteuern erzählt. «Aber das tönte alles so unglaubwürdig.» Deshalb wollte er schliesslich seine Erlebnisse festhalten.
Lutz kaufte sich mit 26 Jahren eine der handlichen DV-Cams und hatte sie fortan ständig dabei. Das erste Video mit Snowboard-Aufnahmen zeigte er im Rahmen einer Kunden-Promo im Laden. Obwohl der 40 Minuten lange Film «sehr dilettantisch und voller Fehler» war, reagierten die Leute begeistert und wollten mehr.
Bereits seinen dritten Film schoss der Autodidakt im 16-Millimeter-Format. Er baute immer mehr «Zwischenstories und Schräges» oder visuelle Effekte zum Beispiel mit Dynamit ein, bis seine Snowboard-Filme schliesslich eine unverkennbare Handschrift zeigten. Vermarkten konnte er die Filme in Japan ebenso wie in den USA. Von seinem letzten Snowboard-Movie «Kingsize» (2003) verkauften sich 42' 000 DVDs. Und in Russland ist der Boom für solche Action-Sport-Videos erst am Anlaufen. In den Charts ganz vorne mit dabei sind natürlich die Filme von Marco Lutz.
Inzwischen hat der Regisseur allerdings die Szene gewechselt. Nicht mehr die spontane Action, sondern die akribisch inszenierte Filmkunst sieht Lutz als neue Herausforderung. Seit 2003 dreht er Werbespots, Corporate Films und Music Videos.
Der erste Musicclip war für das Bündner Hip-Hop-Kollektiv «Sektion Kuchikäschtli». Seither hat er auch für DJ Tatana, Dada Ante Portas oder Züri West gedreht. Als ein Rezept für seine von der Branche gefeierten Filme sieht Lutz, dass er nicht den Stil der viel teurer produzierten US-Clips imitieren will. «Das Problem ist, dass wir in der Schweiz immer dem nachrennen, was es schon gibt. Deshalb jagt in diesen Videos ein Klischee das nächste.» Lutz versucht diesen Trend zu brechen.
Dieses Image vom Andersartigen hat ihm auch die entsprechend spezialisierten Jobs in der Werbung eingebracht. Mit Advico Young & Rubicam realisierte Marco Lutz «EAR'Dis» für Sunrise. In Arbeit ist ein ähnlich trendiges Projekt für Goldbach Medien. Aber er kann seinen Stil auch in einem «Mitarbeiterfilm 2007» für die Bank Clariden Leu einbringen oder einem Imagefilm wie «Dubai Pearl».
Der mit Action- und Musicfilms gereifte Spot-Regisseur ist überzeugt: «Man kann aus jedem Storyboard etwas machen, bei dem die Leute sagen: So habe ich es noch nie gesehen.» Am liebsten steigt Lutz schon bei der Kreation ein. Es gibt aber auch den gängigen Weg, wo man ihm ein fertiges Drehbuch vorlegt.
Marco Lutz hat bis jetzt mit Absolut Turnus, Chocolate Films und PingPong gearbeitet. In Deutschland, wo er mit einem Spot für Ikea aufgefallen ist, wird er von Markenfilm und BM8 vertreten.
Am Werbefilm lockt ihn, «dass man in 30 Sekunden auf die Pointe kommen muss». Die ganze Konzentration läuft auf das hinaus. «Man muss sehr genau und präzis arbeiten.»
Und der Spielfilm? Natürlich hat einer wie Lutz auch hier seine Träume. Aber er will sich Zeit lassen. «Ich kann meinen Rucksack nicht genug stopfen mit Know-how, bis ich mich an einen Spielfilm wage.» Dazu gehört für ihn «ein perfektes Buch». Lutz will es nicht selber schreiben, denn er ist überzeugt: «Wenn man den Schweizer Film retten will, dann funktioniert es nur, wenn man Leute nimmt und fördert, die gute Drehbücher und Geschichten schreiben. Ich finde es sehr heikel, wenn Regisseure anfangen, ihre eigenen Geschichten zu verfilmen.»
Erholung von all diesen Unternehmungen sucht der «Workaholic mit Lust an diesem Lebensstil» heute nicht mehr beim Snowboarden, sondern am liebsten beim Wellenreiten. Dieser Text hier erreicht ihn in Costa Rica zum Gegenlesen. Dort will er in den kommenden zwei Wochen auch seine beiden Töchter – sieben und neun – erstmals in die Welt der Bretter einführen, die für ihn das Leben bedeuten.
|
|