 |  | Christa Löpfe hat mit ihrer Einfrau-Agentur für Medienprojekte eine ideale Balance zwischen Herausforderung und Freude an der Arbeit gefunden.
Hat sie es je bereut, bei der Annabelle gekündigt zu haben? Diese Frage musste die ehemalige Chefredaktorin in den letzten drei Jahren unzählige Male über sich ergehen lassen. «Vor allem Kollegen haben ziemlich verständnislos reagiert. Niemand wollte glauben, dass man eine solche Position aus freien Stücken aufgibt», sinniert Christa Löpfe.
Um die Antwort vorweg zu nehmen: Nein, sie hat es nicht bereut. Und: Die Aussteigerin ist heute wieder voll im Geschäft. Soeben hat sie für Toyota ein neues Kundenmagazin konzipiert.
Löpfe hat sich den Entscheid damals, bei der Annabelle auszusteigen, nicht leicht gemacht. Der Prozess dauerte ein halbes Jahr. «Ich war ziemlich zerrissen, denn die Annabelle war mein Kind und die Redaktion meine Familie. So etwas verlässt man nicht von heute auf morgen.» Aber sie wollte «tabula rasa». Zuerst die Scheidung friedlich durchziehen. Dann die Kündigung. Schliesslich noch die Wohnung verkaufen. Und dann auf eine grosse Weltreise?
«Nein. Ich hasse es, zu reisen. Meine Abenteuer erlebe ich im Kopf», meint sie. So wurde aus ihrem Aufbruch schliesslich eine Reise zu sich selbst. «Dafür wollte ich mir Zeit nehmen. Und es hat sich gelohnt.»
Fast zwei Jahre lang hat Christa Löpfe diese Suche genossen. Gelegentlich auch durchlitten. Plötzlich gab es ganz viele Möglichkeiten. Aber keines der mehreren Jobangebote hat sie überzeugend gelockt. Sie merkte, dass sie gewisse Sachen nicht mehr erträgt. Wie zum Beispiel gewisse Manager. Sie lacht. In diesem Sinn sei sie Martin Kall «extrem dankbar» für ihren neuen Weg. «Obwohl es eigentlich gar nie zu meinem Lebensplan gehörte, dass ich einmal selbstständig werde.»
Was hat ihr als Angestellte nicht mehr gefallen?
«Ich kam mir vor wie eine Tanne, die man in die Wüste versetzt hat, oder eine Palme, die man auf 3000 Meter haben will. Es ist nichts falsch an der Wüste und auch nichts falsch an 3000 Meter. Aber es passt einfach nicht zusammen.» Christa Löpfe merkte, dass sie in dieser neuen Kultur, die Martin Kall bei der Tamedia eingeführt hat, «nicht leben will».
Als Chefredaktorin hat sie bei der Annabelle einen Turnaround erreicht, nachdem das Magazin jahrelang in den roten Zahlen dümpelte. Innerhalb eines Jahres hat Löpfe schwarze Zahlen geschrieben und das fünf Jahre lang halten können. Das hat unter dem damaligen Konzernchef Michel Favre natürlich ein Vertrauensverhältnis ergeben. «Das hat mir später gefehlt. Denn Vertrauen ist unabdingbar in einem solchen Job.» In einem Klima des Misstrauens und der Kontrolle kann sie nicht kreativ arbeiten.
Für den Turnaround ist Löpfe «an die Wurzeln der Probleme gegangen». Sie schaffte «ein gutes Fundament» und hat dazu die ganze Redaktions-Infrastruktur geändert, Budgetverantwortung für die Ressortleitenden eingeführt, die Verkaufsorganisation ebenso wie die technischen und redaktionellen Arbeitsabläufe reorganisiert. Dazu wurde die Annabelle «neu konzipiert und aufgegleist». Die zu einem Drittel auch von Männern gern gelesene Frauenzeitschrift hat in Löpfes Zeit erstmals einen Journalistenpreis gewonnen. «Wir sind wieder ernst genommen worden von guten Autorinnen und Autoren.»
Mit solchen Resultaten machte ihr die Arbeit Spass, denn Löpfe war schon immer am liebsten Redaktorin und Managerin gleichzeitig. «Ich brauche viel Spielraum und Entscheidungsfreiheiten. Dafür übernehme ich aber auch die Verantwortung.» So interessierte sich die heutige Spezialistin für Medienprojekte schon immer für den wirtschaftlichen Aspekt und das Organisatorische genau so wie für die Redaktion. «Eines gibt es ohne die anderen beiden nicht.»
Gelernt hat sie das mit einem Lebenslauf, der sie quer durch alle Bereiche der Medien führte.
Christa Löpfe ist im Glarnerland aufgewachsen und zog nach Zürich für die Grafikausbildung an der Kunstgewerbeschule. Drei Jahre arbeitete sie in Werbeagenturen. Dort erreichte sie 1983 ein Angebot aus dem Hause Tages-Anzeiger. Für das neue Magazin Voilà, das sich an junge Frauen richtete, sollte sie die Art Direction übernehmen. Das war zum erstenmal eine leitende Position mit Führungsaufgabe, und Löpfe realisierte: «Das ist meine Welt.»
Nach dem Voilà realisierte sie ihr erstes Neukonzept für den Beobachter. «Alles spannende Zeiten, weil immer etwas im Umbruch war.»
Die nächste Station war die Publishing-Abteilung von Ringier Print. Dort gewann Löpfe die Kundenzeitschrift für Amag. Später wirkte sie für Thomas Trüb am Aufbau verschiedener Projekte in der damaligen Tschechoslowakei mit. Ringier lancierte Blesk, den tschechischen Blick, sowie eine Bilanz.
Löpfe pendelte zwischen Prag und Zürich, wo sie in einem Hinterraum der Redaktion von Cash ihr kleines Büro hatte, «eine Besenkammer hinter dem Empfang». Dafür war sie der Redaktion sehr nahe. Und so hat sich «fast nachbarschaftlich» der Auftrag ergeben, zusammen mit Hanspeter Peyer einen ersten grossen Relaunch von Cash zu erarbeiten.
In der Redaktion sollte Löpfe eigentlich nur das Neukonzept einführen. Aber auf der Redaktion hat es ihr so gut gefallen, dass sie sieben Jahre geblieben ist. Nach wenigen Monaten wurde die Art Directorin in die leitende Redaktion berufen. Sie war jetzt Produktionschefin mit einem Team von 23 Leuten. «Zum erstenmal im Leben hatte ich Budgetverantwortung.» Eine Funktion als Scharnier zwischen Menschen und Aufgaben gibt ihr die grösste Befriedigung.
Toppen konnte sie diese Erfahrung 1999 schliesslich mit der Berufung zur Annabelle.
Eine Zusatzausbildung hat die zur Chefredaktorin mutierte ehemalige Grafikerin nie genossen. «Es war alles learning by doing.» Auch Führungskurse hat die Kaderfrau keine besucht. «Ich hatte viele miserable Chefs, von denen ich vor allem eines lernte: So will ich es nicht machen.»
Als ihr eigener Chef erlaubt sich Christa Löpfe heute, ihre Arbeiten nach drei Kriterien auszusuchen. Erstens muss ein Projekt Freude machen, zweitens Sinn und drittens das nötige Geld bringen. «Ansonsten funktioniere ich, ohne gross zu planen. Ich habe in meinem Leben immer alles auf mich zukommen lassen.» So hat sich auch ihr erster Kontakt mit Toyota durch einen Zufall ergeben. Im letzten Jahr weilte Karl Lüönd in den USA. Deshalb bat er Löpfe, ihn bei einer wichtigen Toyota-Sitzung zu vertreten: Es ging um das 40-Jahre-Jubiläum des Autohauses. An diesem Meeting wurde klar, dass das Jubiläumsbuch «Intelligenz auf Rädern» von Karl Lüönd zwar als Textmanuskript vorlag – das Buch aber innerhalb von nur vier Wochen realisiert werden musste. Löpfe hat das Problem umgehend gelöst und zusammen mit dem AZ Verlag auch noch eine Jubiläumszeitung aus dem Boden gestampft.
Weitere Projekte, die Löpfe umgesetzt hat, sind: Styling-Grundsätze für die Moderierenden des Schweizer Fernsehens erarbeiten und implementieren, eine Frauenzeitschrift in Vietnam auf Vordermann bringen, den Lifestyle-Teil einer Zeitung mitkonzipieren. Ein weiteres grosses Projekt war die Um- und Neupositionierung der Coop-Zeitung, in das sie als Beraterin involviert war.
Und nun also Toyota: Löpfe obliegt es, das von GD Philipp Rhomberg abgesegnete Neukonzept seines zweimal jährlich erscheinenden Kundenmagazins umzusetzen: Projektleitung, Chefredaktion, Produktion – «Um- und Aufbau» haben Christa Löpfe ja schon immer am meisten Spass gemacht.
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