Der Fern-Seher

ARD, ZDF, Viva, 3Sat, RTL/Pro Sieben und SF. Frontal21, 10vor10, Rundschau, SF Spezial, Quer und Eco – Alexander Mazzara hat schon für viele Sender und Formate gearbeitet. Sein bisher spannendstes Projekt dürfte aber der crossmediale Jugend-TV-Sender Joiz sein, der ab Ende März von Zürich aus Fernsehgeschichten schreiben will.
Junge Erwachsene zwischen 15 und 30 Jahren haben im Fernsehen ihre Heimat verloren», sagt Alexander Mazzara (35). «In der Schweiz wird TV nur für Ältere und Alte gemacht, das wollen wir ändern.» Wir, das sind Mazzara und TV-Urgestein Kurt Schaad. 2009 hatten sie die Idee, einen TV-Sender für junge Erwachsene zu gründen, der Fernsehen, Internet, Mobile und Social Media miteinander verknüpft. Denn bei jungen Leuten heisst Fernsehen heute nicht mehr nur, eine Sendung zu verfolgen, sie haben vor der Flimmerkiste auch ihr Smartphone in der Hand und oft noch den Laptop oder einen Tablet-PC auf den Knien. 90 Prozent der 16- bis 24-jährigen Schweizer tauschen sich während einer Sendung mit Freunden aus, posten Beiträge oder suchen weitere Infos. Was liegt also näher, als den Fernseher mit dem Rechner und beides mit dem Smartphone zu verknüpfen?

Genau das hat sich Mazzara auch gefragt – und die Lücke geschlossen. Im Januar 2010 gründeten er und Schaad den Jugendsender Joiz, der junge Leute auf allen Kanälen abholen will. Der Sender verzahnt das von ihm ausgestrahlte öffentliche Angebot mit der privaten Welt seiner Zuschauer, in der sie via Facebook, Twitter und Co. mit ihren Freunden verknüpft sind. Und das geht so: Joiz bietet in verschiedenen Formaten News, Unterhaltung und Hintergründe zu den Themen Musik, Lifestyle, Kochen, Mode, Kino, Politik, Ausbildung, Gesundheit, Sexualität und in Zukunft auch Sport an. Die Zuschauer bekommen parallel und in Echtzeit zur TV-Sendung weitere Informationen, beispielsweise das Rezept, das in der Kochsendung nachgekocht wird, können es twittern oder auf Facebook stellen. Ausserdem können sie sich Tipps zum Fleischeinkauf holen oder einen guten Metzger in ihrer Nähe anzeigen lassen. Im Politikformat können sie mitdiskutieren oder ihre Stimme abgeben. In der Musiksendung kriegen sie das neueste Video der noch unbekannten Band direkt aufs Smart¬phone geschickt – und können so auch gleich noch Tickets für das nächste Konzert gewinnen. Auch Votings und Rankings, deren Ergebnisse innert Sekun-den vorliegen, sind möglich und können sogar das Programmgeschehen beeinflussen. Und natürlich darf jeder User den Content von Joiz sharen oder auf seinen privaten Seiten einbinden. «Das ist echtes Cross-Media», sagt Mazzara. «Es wird im Fernsehen immer wichtiger, über die Sendung hinausreichende Informationen zu bieten und Interaktion zu ermögli¬chen.» Augenzwinkernd fügt er hinzu: «Natürlich kann man bei uns auch einfach nur fernsehen.» Oder auch nicht. Denn um bei Joiz mitzumachen, braucht man nicht einmal einen Fernseher. Weil der Sender mit Social Media interagiert und alle Sendungen und Aktionen mit der Joiz-Website verknüpft, reichen ein Laptop oder ein Smartphone völlig.


Spagat zwischen Zahlen und Buchstaben

Alexander Mazzara wird 1975 in Aarau geboren. Ob¬wohl er bereits als junger Mann für die regionale Tageszeitung schreibt und sich für die Medien begeistert, entscheidet er sich für ein Bauingenieurstudium – und fragt sich noch heute, weshalb. Als Bub hatte er davon geträumt, Architekt zu werden, ein Beruf, in dem er seine Kreativität eher hätte ausleben können. Schnell merkt Mazzara, dass es ihm im Bauingenieurbüro zu langweilig ist. Ihm fehlt der Spielraum, die Spielfreude, der Spass am Kommunizieren. Aber Mazzara wäre nicht Mazzara, wenn er nicht zu Ende brächte, was er angefangen hat. Die Zeit bis zum Bauingenieurdiplom lockert er durch einen Job beim Aargauer Lokalradio Kanal K auf. «Natürlich hat es mir auch Spass gemacht, im Studium mit Zahlen umzugehen und komplizierte Berechnungen zu meistern», mildert Mazzara ab. «Und dass ich das gut beherrsche, kommt mir jetzt als Un¬ternehmer zugute.» Trotzdem, der Richtungswechsel ist längst beschlossen: Nach seiner Diplomarbeit über die Verbesserung der Wasserkraftanlage der Jungfraujoch-Bahn schliesst Mazzara ein Nachdiplomstudium Journalismus an. «Ich wollte das journalistische Handwerkszeug wirklich beherrschen und mehr Feed¬back haben», erklärt Mazzara. «Bei der Regionalzeitung hiess es immer nur ‹Du machst das schon gut›. Das reichte mir nicht.»


Treiber Innovation und Marketing

1999 startet Mazzaras Karriere durch alle grossen, deutschsprachigen Fernsehsender: Von RTL/Pro Sieben geht er zu Swizz Music Television, das von Viva gekauft wird. Dann arbeitet er in Deutschland für ARD und ZDF und landet als 25-Jähriger beim SF. Dort arbeitet Mazzara zwischen 2000 und 2009 vor allem für Nachrichtensendungen: Rundschau, SF Spe¬zial, 10 vor 10 und Quer, ab 2006 produziert er zusätzlich das Format «Start up – Der Weg zur eigenen Firma». Diese Sendung ist ein «Aufwärmformat» für das Wirtschaftsmagazin Eco, das Mazzara später gemeinsam mit seinem damaligen Chef Kurt Schaad entwickelt. «Eco hat sein Publikum sofort gefunden, es ist uns leider aber auch mit Eco nicht gelungen, jüngere Leute abzuholen», erzählt Mazzara. «Das Durchschnittsalter des Eco-Zuschauers liegt bei 57 Jahren.»

Doch Mazzara und Schaad sind ein gutes Team. «Alexander hat einen schaurig guten Überblick, er ist ein echter Generalist im Medienbereich und kann das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden», sagt Schaad über seinen jungen Kollegen. Den beiden Männern gehen die jungen Fernsehzuschauer nicht aus dem Sinn, sie wollen sie wieder fürs Fernsehen begeistern. Also stecken Mazzara und Schaad wieder ihre Köpfe zusammen, heraus kommt Joiz. «Ich wollte etwas für junge Leute machen, bei dem ich hinter den Inhalten stehe und sagen kann, dass es langfristig Zukunft hat, bei dem Inhalt und Verpackung stimmen», betont Mazzara. «Social Media hat in die Art, wie Stories erzählt und Inhalte verbreitet werden, eine unge¬heure Dynamik gebracht. Wir haben früher auf dem Schulhof Paninibildchen getauscht, heute läuft der Austausch über Facebook. Die richtige Verknüpfung dieser komplett veränderten Mediennutzung birgt ein riesiges Potenzial für die Medien, das wir nutzen wollen. Mit Joiz geben wir jungen Leuten wieder eine Medienheimat, einen Platz, an dem sie sich daheim fühlen, an dem sie neue Sachen lernen und coole Infos bekommen. Das macht auch mir riesigen Spass.»

Mazzara hat für den Start mit Joiz die perfekte Zeit erwischt: Kaum ein Teeny ohne Handy, der Rechner gehört zur Grundausstattung im Kinder- und Jugendzimmer, und Facebook ist die zweite, wenn nicht die erste Heimat der «Digital Natives». Es ist, als hätte die Welt nur auf Joiz gewartet.


Mein Freund Joiz

Joiz wird ab dem 28. März jeden Tag 24 Stunden in HD-Qualität auf Sendung sein. Vier Stunden davon wird Mazzara mit seinem Team täglich neu produzieren, die Restzeit wird mit Wiederholungen bestritten. Finanziert wird das Angebot einerseits durch Sponso¬ren, andererseits durch Werbung und E-Commerce. Dabei setzt Joiz auf die komplette Palette: «Unsere Zuschauer können zum Beispiel mit einem Klick die Kleidung unserer Moderatoren kaufen oder Zutaten für ein Rezept, das vorgestellt wird», sagt Mazzara. «Ausserdem werden wir klickbare Werbespots schalten, ein sehr spannender, neuer Ansatz. Aber auch die klassischen Werbeformate wie TV-Spots oder Online-Kampagnen können bei uns gebucht werden.»

Dass das Joiz-Programm mit den privaten Welten seiner User interagiert, eröffnet Werbern ganz neue Möglichkeiten. Denn weil sich jeder User registrieren muss, sammelt Joiz viele qualifizierte Daten über sei¬ne Zielgruppe. Die können für zielgerichtete Werbung und Offerten genutzt werden. «Eines der Probleme von TV ist, dass man extrem viele Emotionen transportieren kann, aber extrem wenig Informationen über seine Zuschauer bekommt», erklärt Mazzara. «Mit unserem Modell ändern wir das.» Klar, dass zum Thema einer Sendung passende Angebote ziemlich gute Chancen haben, direkt verkauft zu werden. Joiz tut aber auch etwas zum Schutz seiner jungen Zielgruppe: Explizit ausgeschlossen hat der Sender Ero¬tik- und Klingeltonwerbung sowie Mehrwertdienst-Gewinnspiele. Dass Joiz mit seinem Fernsehen für Junge den Nerv der Zeit und seiner Zielgruppe trifft, springt ins Auge. Noch vor dem Sendestart wurde der Sender für die «Internet World Business-Idee 2011» nominiert, als eines der zwanzig innovativsten Internetprojekte im deutschsprachigen Raum.

Gerade mal ein Jahr ist der Sender alt und beschäftigt bereits 40 Mitarbeiter, auch das bekannte Schweizer Topmodel Anouk Manser gehört zum Moderatorenteam. Mazzara amtet als CEO, Kurt Schaad sitzt im Verwaltungsrat. Sehnlich warten die Joizler nun auf den Sendebeginn Ende März. Ähnlich wird es den aktuell rund 3700 Friends gehen, die Joiz bereits vor Sendestart auf Facebook gesammelt hat. Doch Mazzara denkt nicht in Kategorien wie Erfolg und Misserfolg. Er macht einfach, was ihn begeistert, wovon er überzeugt ist, woran er glaubt. Das scheint zu funktionieren. Joy und Choice, Spass und Auswahl – man müsste nochmal 20 sein. Anne-Friederike Heinrich


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